oder: was Sartre auf unserem elften Hochzeitstag zu suchen hatte

In der letzten Juniwoche liegen wir an einem ruhigen Strand auf Langkawi (Malaysia). Es ist leicht bewölkt, aber angenehm warm. Theo gräbt im Sand und spielt mit den Stöckchen, die er eifrig gesammelt hat. Und wir schmieden Pläne für das letzte Wochenende unserer Reise. Insbesondere für den kommenden Samstag, unseren elften Hochzeitstag. Elf ist eine Schnapszahl! Außerdem fällt unser Jahrestag zum ersten Mal seit unserer Hochzeit wieder auf einen Samstag! Das muss doch gefeiert werden.

Aber wie? Nun, da fällt uns schon einiges ein:

Option 1: Wir bleiben einfach auf der Insel und hoffen, dass das Wetter nicht so schlimm wird wie seine Prognose. Wobei: Wahnsinnig schön ist es hier auch nicht. Vielleicht einfach abends mal Seafood? Option 2: wir schieben noch ein paar Tage in der alten Handelsmetropole Melaka ein, ganz im Süden des Landes. Schließlich hat es uns doch vergangene Woche in Georgetown so gut gefallen. Aber schon wieder Stadt? Option 3 wäre ein Flug nach Borneo – Kuching gilt ja als besonders eindrucksvoll. Sicher die aufwändigste Variante!

Anne bringt eine ganz neue Idee auf den Plan: einen Abstecher auf die thailändische Insel Koh Lipe, die man von hier per Fähre erreichen kann. Die Beschreibungen aus dem Internet malen uns ein idyllisches Paradies vor Augen: weiße Strände, türkises Meer… so richtig hochzeitstagmäßig. Wann, wenn nicht jetzt? Wir sind ja fast schon da. Nur müssten wir unser Budget wieder mal brutal überziehen. Und umso mehr auf gutes Wetter hoffen. Und eine ziemlich lange Rückfahrt organisieren.

Wir tüfteln, googeln, rechnen, feilschen. Wieder mal. Warum beschäftigt uns das so sehr?

Weil es uns so vorkommt, als dürften wir uns X nicht entgehen lassen. Wir könnten ja jetzt einfach losfahren. Sonst sagen wir im Rückblick vielleicht irgendwann: Ach hätten wir doch, wären wir doch. Darum müssten wir doch jetzt … Der Konjunktiv ist unser ständiger Reisebegleiter. Und manchmal geht er uns ganz schön auf den Zeiger.

Zu Hause gibt es eingespielte Routinen, die uns solche Entscheidungen abnehmen: Wecker, Busfahrpläne, Purzelturnen, Einkaufen und so weiter. Die Routinen halten uns den lästigen Konjunktiv vom Hals. Wir leben unbeschwert dahin, tun immer wieder das Gleiche, ohne uns fragen zu müssen, was wir alternativ alles tun könnten. Auf der Reise dagegen haben wir diese Routinen eingetauscht gegen “Freiheit”: Nichts ist uns vorgegeben. Wir können alles selbst entscheiden. Können – und müssen es auch. Wir müssen unsere Reise alle paar Tage neu erfinden. Mit allem Grübeln und Hadern, das dazugehört.

Der Philosoph Jean-Paul Sartre hat unser Dilemma auf den Punkt gebracht. Er schrieb: “Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.” Der Mensch ist das, wozu er sich macht und er ist deswegen vollständig für alles verantwortlich, was er aus sich macht. Selbst dann, wenn er nichts macht, wenn er ein gesichtsloser, uninteressanter Niemand bleibt. Er kann sich nie herausreden, wenn er das “falsche” Leben führt, denn das “richtige” steht ihm jederzeit offen. Er muss sich einfach nur dazu entscheiden. Was natürlich nie wirklich “einfach” ist. Denn wenn die Sache schief geht, kann er niemandem die Schuld zuschieben. Wenn man so darüber nachdenkt: Wollen wir wirklich so frei sein…?

Unsere beste Lösung war in diesen Situationen immer: entscheiden und nehmen, was da kommt. Nicht hadern, mäkeln oder mosern. Sondern akzeptieren, dass es zu jeder Option immer noch zehn weitere Alternativen gibt, die wir sowieso nicht alle wählen können. Was soll’s. Insofern ist das Wissen, dass wir ziemlich viel nicht tun können, irgendwo auch sehr entlastend.

Wir sind jedenfalls am Ende nach Melaka gefahren – ausgerechnet unser Hochzeitstag war ein Reisetag. Aber was soll’s. In Melaka haben wir unser Jubiläum einen Tag später im Nadeje Cake Shop nachgefeiert. Dieses Café hat bei Einheimischen einen sagenhaften Ruf – wir mussten eine Viertelstunde auf einen Platz warten. Die Torten schmeckten trotzdem ziemlich komisch. Aber was soll’s. Wir hadern nicht, sondern genießen die schnuckelige Altstadt und das wahnsinnig leckere, wahnsinnig günstige Essen auf der Jonker Road. Irgendwie fühlt es sich total richtig an, hier zu sein.

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